Man muss auf die Menschen zugehen
Stubegspräch mit Doris und Ueli Gerber. KISS-Mitglieder der ersten Stunde.
Doris Gerber (84) und Ueli Gerber (86) leben in einer Alterswohnung in Zug. Sie treiben gemeinsam Sport, fahren Tandem, pflegen ihre Kontakte – und bei Ueli Gerber gehört die Musik und insbesondere das Klavierspielen seit vielen Jahren zum Alltag. Beide verbindet zudem eine lange Geschichte mit KISS-Zug. Ein Gespräch über das Ankommen an einem neuen Ort, gegenseitige Hilfe und darüber, warum man auch im Alter nicht darauf warten sollte, dass die anderen den ersten Schritt machen.
Wer Ueli Gerber besucht, kommt an der Musik kaum vorbei. Schon als Vier- oder Fünfjähriger sass er am Klavier und probierte Töne aus. Offenbar nicht ganz ohne Talent und so erhielt er früh klassischen Klavierunterricht. Glück hatte er dann auch mit engagierten Musiklehrern. Später kamen Jazz, Ländler und Unterhaltungsmusik dazu. Als Student der Chemie verdiente er mit der Musik sogar einen Teil seines Lebensunterhalts.
Beruflich schlug Ueli Gerber einen anderen Weg ein. Zunächst war er Lehrer, später studierte er Chemie und arbeitete dann in verschiedensten Bereichen dieses Fachs, unter anderem 10 Jahre als Chemielehrer and der Kanti Zug. Die Musik aber blieb. «Seit ich pensioniert bin, habe ich wieder mehr Zeit dafür, auch für das klassische Klavier“. Seine Frau Doris ergänzt: «Heute spielt er wieder jeden Tag».
Seit 15 Jahren leben die Gerbers in Zug. Als klar wurde, dass ihr bisheriges Haus einem andern neuen weichen sollte, begannen sie frühzeitig, sich nach einer Alterswohnung umzusehen. Sehr frühzeitig, wie Ueli Gerber betont. Die Wartelisten seien lang. Heute sind beide froh über den Schritt. «Wir fühlen uns hier sehr wohl“.
Trotzdem bedeutet ein Umzug im Alter auch, ein vertrautes Umfeld hinter sich zu lassen. Am früheren Wohnort lebten jüngere Familien. Gerber erinnert sich gerne an ein Mädchen aus der Nachbarschaft, das Geige lernte. Wenn es seine ersten Töne spielte, begleitete er es am Klavier.
Im neuen Zuhause musste ein neuer Bekanntenkreis erst entstehen. Und dabei half KISS. Kurz nach dem Einzug gab es regelmässige gemeinsame Mittagessen und Kaffeetreffen. «Das war wunderbar», erinnert sich Doris Gerber. «Wir konnten uns vorstellen und haben die anderen Bewohner kennengelernt. Das hat uns sehr geholfen bei der Integration».
Ohne diese Möglichkeit, sagt Ueli Gerber, hätte er vermutlich kurzerhand einen Aushang mit Foto gemacht und die Nachbarn zu einem Tag der offenen Tür eingeladen. Seine Frau hätte mitgemacht, sagt sie, obwohl sie von den beiden eher die Zurückhaltende ist.
Nachbarschaftshilfe neu gedacht
KISS kannten Doris und Ueli Gerber schon lange vor ihrem Umzug. Über Bekannte hörten sie von der Idee, als KISS-Zug noch gar nicht gegründet war. Sie lernten damals die Gründerin kennen und waren schnell überzeugt.
Für Ueli Gerber knüpft die Idee an etwas an, das für ihn früher selbstverständlich war.
Er ist in einer ländlichen Gegend aufgewachsen. «Da hat man sich gegenseitig geholfen. Und wenn es nur darum ging, jemandem das Velo auszuleihen».
Genau dieser Gedanke werde durch KISS auf moderne Weise wiederbelebt. Nicht als Konkurrenz zu professionellen Dienstleistungen, betont Doris Gerber, sondern dort, wo Menschen etwas füreinander tun können: Zeit schenken, begleiten, zuhören, im Alltag helfen.
Ueli Gerber erinnert sich besonders an ein die Begleitung eines blinden Mannes. Dieser arbeitete als Feinmechaniker in einer kleinen Maschinenfabrik und war trotz seiner Behinderung ein hervorragender und für den Betrieb wichtiger Fachmann. Gerber begleitete ihn manchmal im Alltag und auf Wanderungen. «Das war eine sehr erfüllende Aufgabe. Mich hat beeindruckt, wie er sein Leben gemeistert hat».
Auch Doris Gerber hat solche Erfahrungen gemacht. Sie half einer älteren Dame dabei, Papiere und Fotos zu ordnen. Schnell zeigte sich, dass es dabei um viel mehr ging als um Ordnung. Die Fotos weckten Erinnerungen, und die ältere Frau begann aus ihrem Leben zu erzählen. Das Sortieren wurde zur Gelegenheit, zuzuhören und gemeinsam zurückzublicken.
Vielleicht liegt genau darin eine Stärke von KISS: Eine scheinbar kleine Hilfe schafft Begegnungen, die für beide Seiten wertvoll sein können.
Und natürlich konnte Ueli Gerber auch seine musikalischen Fähigkeiten einbringen. Bei KISS-Veranstaltungen setzte er sich immer wieder ans Klavier. Seine heutige Funktion beschreibt er mit einem Lächeln: «Ich bin der Hofpianist von KISS».
Man muss es wollen
Was braucht es, um im Alter selbstbestimmt und mit anderen verbunden zu bleiben?
Bei dieser Frage sind sich Doris und Ueli Gerber sofort einig. Gesundheit und körperliche Fitness sind der Schlüssel. Beides kommt allerdings nicht von allein. Die Gerbers machen täglich Gymnastik, besuchen Sportangebote, betreiben Krafttraining und fahren gemeinsam Tandem. Sie wissen die gute medizinische Versorgung in der Schweiz zu schätzen, sagen aber auch: «Man muss stetig selbst an sich arbeiten».
Das gilt für sie genauso für soziale Kontakte. «Man darf nicht nur konsumieren und darauf warten, dass etwas passiert oder dass jemand auf einen zukommt. Man muss auch selbst auf andere Menschen zugehen.
Wie viel Gesellschaft jemand brauche, sei natürlich eine Frage des Temperaments.
Der eine sei extrovertierter, die andere zurückhaltender. Entscheidend sei, sich nicht völlig zurückzuziehen. «Einsamkeit macht krank», sagt Ueli Gerber.
Doris erzählt von einer Nachbarin im Haus, die eher zurückgezogen lebt. Ab und zu klingelt sie bei ihr und schaut vorbei. «Sie freut sich jedes Mal. Dann erzählen plaudern wir ein bisschen miteinander». Mehr müsse es manchmal gar nicht sein.
Zwei, die sich ergänzen
Dass Doris und Ueli Gerber unterschiedlich auf Menschen zugehen, wird während des Gesprächs immer wieder deutlich. Offenbar funktioniert gerade das seit vielen Jahren zu beiderseitigem Nutzen recht gut.
Er sei eher direkt, sagt Ueli über sich selbst. Von seiner Frau habe er gelernt, sich gelegentlich etwas zurückzunehmen. Und auch ihren ausgeprägten Ordnungssinn habe er im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt: «Dadurch bin ich im Alter sehr viel ordentlicher geworden».
Doris sieht noch etwas Entwicklungspotenzial. Doris sieht auch gewisse Eigenheiten.
Ihr Mann sei in Gesellschaft manchmal «etwas ausschweifend und dominant», auch wenn die Leute ihm gerne zuhören.
Ueli Gerber widerspricht lachend: «Das ist eine Unterstellung und masslose Übertreibung“.
Und dann fällt ihm doch noch ein Satz ein, der vielleicht ganz gut zu den beiden, zu KISS und zu ihrer Haltung zum Älterwerden passt. Er stammt aus Schillers Wilhelm Tell: «Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich»!
Doris und Ueli Gerber scheinen sich daran zu halten.
Das Gespräch führte Volker Dragon für den KSVZ